ACHEMA Newsroom

29.06.2018

Digitalisierung erfordert neue Denkweisen

Müssen Unternehmen angesichts der Digitalisierung ihre Geschäftsmodelle ändern? Experten aus Industrie und Wissenschaft diskutierten, vor welchen Aufgaben die Industrie steht.

Die ACHEMA ist nicht nur eine Leistungsschau, sie ist auch Diskussionsforum für aktuelle Trends in der Prozessindustrie. Deshalb greift der ACHEMA-Kongress in Podiumsdiskussionen und Plenarvorträgen Themen auf, die die gesamte Branche beschäftigen. Am zweiten Messetag ging es um die Digitalisierung. Denn Experten sind sich einig: Will die traditionelle Chemie- und Pharmaindustrie ihre führende Marktposition langfristig sichern, sind digitale Technologien mindestens hilfreich, wenn nicht unverzichtbar. „Digitalization meets Process Industry: Rewriting Business Models“ lautete folglich das Thema einer Podiumsdiskussion am Dienstag. Die Frage, inwieweit die Prozessindustrie neue Geschäftsmodelle braucht, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen diskutierten Carsten Bartsch (Hochschule der Bayerischen Wirtschaft), Philipp Karmires (Linde), James Kugler (Merck) und Mirko Schnitzler (Rebelz Capital), moderiert von Björn Mathes (DECHEMA).

Im Hinblick auf den richtigen Ansatz für die Digitalisierung der Prozessindustrie waren sich die Diskutanten einig: Jedes Unternehmen sollte eine digitale Strategie haben, in deren Mittelpunkt der Kunde steht. „Daten und neue Technologien müssen genutzt werden, um das Leben der Menschen einfacher zu machen“, betonte James Kugler, der vor seinem Wechsel zu Merck beim Chemieunternehmen Sigma-Aldrich das E-Business aufgebaut hat. Habe der Kunde die Möglichkeit, Ersatzteile direkt auf einer Online-Plattform des Herstellers zu kaufen anstatt sie auf externen Plattformen wie beispielsweise Alibaba suchen zu müssen, profitierten davon beide Seiten.

Der private Investor Mirko Schnitzler konstatierte, dass viele Unternehmen die Chancen der Digitalisierung bislang nicht wirklich verstanden hätten. „Sie denken noch nicht in genügend großen Dimensionen, auch was die Investments angeht.“ Ebenso fehle es häufig an den technologischen Voraussetzungen. „SAP ist nicht automatisch in allen Fällen die am besten geeignete Software. Hier muss man in neue Technologien investieren.“ Carsten Bartsch, Professor für Marketing und Unternehmensführung, pflichtete bei: „Viele Unternehmen befassen sich mit Digitalisierung nur deshalb, weil das alle machen. Sie haben noch nicht begriffen, dass ein messbarer Nutzen für den Kunden herauskommen muss – denn nur dann wird er seine herkömmlichen Interaktionswege ändern.“ Eine neue Denkweise in den Unternehmen sei erforderlich.

Doch innovatives Denken und eine klare Strategie sind nur der Anfang. Philipp Karmires, beim Industriegase-Hersteller Linde verantwortlich für globale digitale Transformation, veranschaulichte, wie sein Arbeitgeber die Umsetzung angeht. Naturgemäß hätten die Entscheider wenig oder gar keine Erfahrung mit der Digitalisierung. Deshalb müsse man ein Team mit experimentierfreudigen Fachleuten aufbauen – und dann loslegen: „Wer es nicht praktisch angeht, wird es nicht lernen“, so Karmires. „Man lernt ja auch nicht Autofahren, indem man Bücher liest.“ Neuerungen müsse man früh an die Kunden herantragen, um ihr Feedback zu hören und die Entwicklungen auf dieser Basis zu optimieren. Karmires´ Team besteht aus Spezialisten in Singapur und München. In Asien sei man offener für Neues, das mache Linde sich in Testphasen zunutze. Insgesamt plädierte Karmires dafür, in die Menschen zu investieren: Für Digitalisierungsprojekte brauche man heterogene Teams, eine Mischung aus bewährten und neuen Mitarbeitern, aus unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Herkunftsregionen. „So erhalten Sie Anstöße und Ideen, an die Sie selbst nicht gedacht haben. Das Team ist der Herzstück des Ganzen.“

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