ACHEMA Newsroom

29.06.2018

Europa ohne Plastik?

Das Thema „Plastikmüll“ ist in aller Munde. Doch ist ein plastikfreies Europa denkbar und sinnvoll? Darüber diskutierte eine Expertenrunde auf der ACHEMA.

Was bringen Verbote? Sind bioabbaubare Kunststoffe Teil der Lösung? Kann man Menschen dazu erziehen, Abfall zu vermeiden? Dies waren einige der Fragen, um die es bei der Podiumsdiskussion auf dem ACHEMA-Kongress am 11. Juni 2018 ging. Zwei Stunden zuvor war die ACHEMA in Frankfurt am Main mit rund 3.800 Austellern aus 55 Ländern eröffnet worden.
„Plastic-free Europe?“ lautete die Leitfrage. Moderiert von Kathrin Rübberdt (DECHEMA) diskutierten Ingo Sartorius, Geschäftsführer des Verbandes der Kunststofferzeuger PlasticsEurope Deutschland, Hugo-Maria Schally, Europäische Kommission, Johann Zimmermann von NaKu in Wien, einem Hersteller biobasierter Kunststoffe, Martin Möller vom Freiburger Öko-Institut sowie Markus Dambeck von der Gesellschaft zur Rückführung industrieller und gewerblicher Kunststoffverpackungen (RIGK). Plastik sei ein nachhaltiges Material, sagte Sartorius, im Kunststofferzeugerverband verantwortlich für den Geschäftsbereich „Mensch und Umwelt“: „Es leistet einen grundlegenden Beitrag zu Klimaschutz und Ressourceneffizienz, zum Beispiel bei der Isolierung von Gebäuden, im Leichtbau oder bei der Vermeidung von Lebensmittelverschwendung.“ Im Recycling und einem klugen Abfallmanagement sieht Sartorius deshalb einen richtigen Ansatz, der zu weiten Teilen bereits gesetzlich verankert sei.
Dem widersprach Hugo-Maria Schally, Generaldirektor Umwelt bei der Europäischen Kommission: Plastikmaterialien könnten beispielsweise beim Rückbau von energieeffizienten Gebäuden nicht recycelt werden und seien so gesehen keineswegs nachhaltig. Auch den vom Wiener Unternehmer Johann Zimmermann gelobten bioabbaubaren Materialien steht Schally kritisch gegenüber: „Bioabbaubarkeit ist eine der größten Irreführungen des Verbrauchers“, erklärte er. Dem nämlich werde suggeriert, dass er sich keine Sorgen um den Abfall machen müsse, weil das Material sich von selbst auflöse. „Das passiert aber nur bei industrieller Kompostierung in einem kontrollierten Umfeld. In allen anderen Fällen gelangt es in die Umwelt in Form von Mikroplastik.“ Schally zeigte sich überzeugt, dass Regulierungen und Verbote einen wichtigen Beitrag leisten, um Plastikabfall zu reduzieren.
Markus Dambek vom Recycling-Unternehmen RIGK war andere Meinung. Verbote seien kontraproduktiv, man müsse die Verbraucher zum eigenständigen Denken erziehen. Zur Veranschaulichung zog er aus einer mitgebrachten Einkaufstüte zwei Gurken hervor: die eine mit Kunststoffumhüllung, die andere ohne. „Der Verbraucher hat die Wahl“, sagte Dambeck. Ebenso könne er beispielsweise entscheiden, ob er Zahnpasta in der bloßen Tube oder in einer zusätzlichen Pappschachtel verpackt kaufe.
Martin Möller, stellvertretender Bereichsleiter „Produkte & Stoffströme“ beim Ökoinstitut, plädierte für „Upcycling statt Recycling“ – einen Prozess, bei dem das Material nach der Aufbereitung eine höhere Qualität hat als zuvor. Mit Projektpartnern arbeitet das Institut an einem Verfahren, um gebrauchte PET-Flaschen in hochwertigen Kunststoff für die Automobilindustrie zu verwandeln, was dort wiederum den Einsatz von Polyamiden reduzieren soll. „Das kann allerdings nur funktionieren, wenn Produktdesigner und Recycler in einen intensiven Dialog treten“, sagte Möller. Dem stimmte Johann Zimmermann zu. Es gebe bereits einige gute Lösungen, aber sie würden nicht genügend gehört. Er verteidigte zudem den Ansatz der Bioabbaubarkeit: Tatsächlich benötigten bioabbaubare Trinkflaschen 15 Jahre, um zu zerfallen, wenn sie einfach im Meer entsorgt würden. „Aber eine herkömmliche Trinkflasche braucht 350 Jahre. Sind dann nicht 15 Jahre besser?“
Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darin, dass man auf Plastik nicht komplett verzichten könne und dass es eines kombinierten Ansatzes bedürfe, um das Problem des Plastikmülls in den Griff zu bekommen. Eine sehr effiziente sei es, Plastikmüll zu vermeiden, wo immer es geht.

« zurück zur Übersicht