20.08.2026 | Process Innovation

Engineering-Informationen: Die fehlende Grundlage der digitalen Transformation

KI, digitale Zwillinge und Lifecycle-Engineering hängen alle von derselben Voraussetzung ab: Verlässliche Engineering-Informationen. Während sich die Prozessindustrien einem datengetriebenen Engineering zuwenden, verschiebt sich der Fokus von Dokumenten hin zu integrierten Informationsmodellen. Diese verbinden die Engineering-Disziplinen über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage hinweg miteinander.

Stellen Sie sich ein Projekt vor, in dem Verfahrenstechniker, Rohrleitungsplaner, Automatisierungsspezialisten und Anlagenbetreiber über den gesamten Lebenszyklus hinweg auf dieselben Engineering-Informationen zugreifen. Prozessänderungen wären unmittelbar in der Anlagenplanung sichtbar, Ausrüstungsspezifikationen blieben konsistent, die Beschaffung erhielte validierte technische Informationen anstelle manuell zusammengestellter Dokumentenpakete und bei der Übergabe an den Betrieb könnte vorhandenes Engineering-Wissen weitergenutzt werden, anstatt es neu aufzubauen.

Die Realität sieht heute jedoch anders aus. Zwar arbeiten nahezu alle Engineering-Disziplinen mit leistungsfähiger Software, doch die Informationen werden weiterhin überwiegend über Dokumente ausgetauscht. Verfahrensfließbilder, R&I-Fließschemata, Datenblätter, Tabellen und PDFs dienen als Informationsträger. Jede Disziplin verwaltet ihre eigene Sicht auf die Anlage. Informationen werden mehrfach übertragen, validiert und synchronisiert.

Mit zunehmender Projektgröße stößt dieser dokumentenzentrierte Ansatz an seine Grenzen. Engineering-Teams verbringen viel Zeit mit der Abstimmung von Informationen statt mit Engineering. Änderungen werden nur verzögert übernommen, es entstehen Inkonsistenzen und wertvolles Wissen geht beim Übergang in den Anlagenbetrieb verloren.

Und das hat seinen Preis! Der Engineering-Aufwand ist hoch und auch der Änderungsbedarf in der Bauphase bleibt erheblich. Zudem stehen in der Betriebsphase für Instandhaltung, Revamps und Management of Change häufig kaum nutzbare Daten aus dem Engineering zur Verfügung.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, weitere Engineering-Werkzeuge einzuführen. Die Herausforderung besteht darin, Engineering-Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg konsistent verfügbar zu machen.

Engineering braucht Informationsmodelle statt weiterer Dokumente

Die Engineering-Dokumentation wird dennoch unverzichtbar bleiben. Zeichnungen, Spezifikationen und Datenblätter sind Vertragsdokumente, die die Montage unterstützen und Engineering-Entscheidungen kommunizieren. Beim digitalen Engineering ist das Dokument jedoch nicht der Träger des Informationsinhalts, sondern hinter dem Dokument liegt eine auf semantischen Informationsmodellen basierende Datenbank. Das Dokument, die Zeichnung, die Liste etc. ist nur die Visualisierung der Informationen aus der Datenbank, um sie für Menschen lesbar und verständlich zu machen. Die Informationen zu einem Objekt werden in der Datenbank nur einmal abgelegt und in verschiedenen Darstellungen, Listen, R&I-Diagrammen und 3D-Modellen verwendet.

Modernes Lifecycle-Informationsmanagement wählt einen anderen Weg. Anstatt Dokumente auszutauschen, teilen die Disziplinen strukturierte Engineering-Informationen. Verfahrenstechniker definieren Prozessfunktionen und Betriebsanforderungen, Anlagenplaner entwickeln das strukturelle Anlagenmodell und Maschinenbauer ergänzen die Ausrüstungsspezifikationen. Automatisierungsspezialisten wiederum fügen Regelungsinformationen hinzu. Beschaffung und Betrieb bauen auf denselben Engineering-Objekten auf, anstatt parallel neue Informationen zu erstellen. Dabei verschwinden die Dokumente nicht – sie werden zu Ergebnissen eines gemeinsamen Engineering-Informationsmodells, statt die Quelle des Engineering-Wissens zu sein.

Diese scheinbar subtile Verschiebung verändert die Zusammenarbeit im Engineering grundlegend. Informationen lassen sich kontinuierlich anreichern, statt sie an jedem Projektmeilenstein neu zu erzeugen.

Änderungen werden über die Disziplinen hinweg deutlich früher sichtbar, und Engineering-Teams verbringen weniger Zeit damit, widersprüchliche Informationen abzugleichen, und mehr damit, Engineering-Probleme zu lösen. Einer der wichtigsten Wegbereiter dieses Übergangs ist das Aufkommen standardisierter Lifecycle-Informationsmodelle.

DEXPI 2.0: Das Informationsmodell für die frühen Engineering-Phasen

Die Frage ist: Wie lässt sich Engineering-Information konsistent halten, wenn zahlreiche Disziplinen und Softwaresysteme an demselben Projekt arbeiten? Die Antwort ist kein weiteres Engineering-Werkzeug, sondern ein gemeinsames Informationsmodell. Hier leistet DEXPI 2.0 einen wichtigen Beitrag. Ursprünglich als Austauschstandard für intelligente R&I-Fließschemata entwickelt, hat sich DEXPI zu einem umfassenden Prozess- und Anlageninformationsmodell für die frühen Engineering-Phasen entwickelt. Anstatt sich allein auf den Dokumentenaustausch zu konzentrieren, liefert DEXPI 2.0 eine standardisierte Darstellung von Engineering-Informationen, die die Verfahrenstechnik und die Basis-Anlagenplanung umspannt. Dabei erfasst das Modell nicht nur die Topologie eines Prozesses, sondern auch die dahinterliegende Engineering-Semantik: Prozessfunktionen, Ausrüstungsobjekte, Rohrleitungssysteme, Instrumentierung und ihre Beziehungen werden Teil einer konsistenten digitalen Informationsstruktur, die von verschiedenen Ingenieursanwendungen interpretiert werden kann.

Damit verschiebt sich der Fokus grundlegend: Nicht die Engineering-Software wird standardisiert, sondern die Engineering-Informationen. Engineering-Informationen wachsen dabei kontinuierlich mit dem Lebenszyklus. Von der Prozessentwicklung über das Basic- und Detail-Engineering bis hin zur Inbetriebnahme, dem Betrieb und den Revamps ergänzen alle Beteiligten dieselben Engineering-Objekte. Eine Pumpe beispielsweise entwickelt sich von der Prozessanforderung über die Spezifikation bis hin zum installierten Asset mit eigener Betriebshistorie. Es entstehen keine neuen Objekte, sondern lediglich neue Informationen über dasselbe Objekt.

Wie sich Lifecycle-Informationsmanagement auszahlt

Der Übergang vom dokumentenzentrierten Engineering zum Lifecycle-Informationsmanagement wird oft im Kontext von Digitalisierungsinitiativen diskutiert. In der Praxis sind die stärksten Argumente jedoch operativer Natur. Organisationen, die integrierte Engineering-Informationsmodelle etablieren, berichten durchgängig von messbaren Verbesserungen in der Projektabwicklung. Der manuelle Transfer von Engineering-Daten zwischen den Disziplinen sinkt deutlich, und die Engineering-Teams wenden weniger Zeit für die Validierung von Informationen auf und mehr für die Lösung von Engineering-Problemen. Da alle Disziplinen auf derselben Grundlage arbeiten, wird paralleles Engineering erheblich einfacher: Verfahrenstechniker, Rohrleitungsplaner, Automatisierungsspezialisten und Maschinenbauer können gleichzeitig arbeiten und dennoch eine konsistente Informationsbasis wahren.

Die daraus resultierenden Verbesserungen reichen weit über das Engineering hinaus. Eine höhere Informationsqualität verringert den Abstimmungsaufwand in Beschaffung, Montage und Inbetriebnahme. Zudem vereinfachen verlässliche Engineering-Daten die Übergabe an den Betrieb. Dort unterstützen sie über die gesamte Nutzungsdauer hinweg Instandhaltung, Anlagenänderungen und das Management of Change. Erfahrungen aus Industrieprojekten deuten auf eine Reduktion des Engineering-Aufwands um 20 bis 40 Prozent hin, wobei der genaue Wert vom Reifegrad der Engineering-Standards, wiederverwendbarer Vorlagen und organisatorischer Prozesse abhängt. Projekte mit hochintegrierten Engineering-Ansätzen haben zudem Änderungsraten von unter zwei Prozent gezeigt und damit veranschaulicht, wie sich eine verbesserte Informationsqualität unmittelbar in eine höhere Montageproduktivität übersetzt. Das erklärt, warum das Lifecycle-Informationsmanagement zunehmend zum strategischen Thema wird – nicht nur für Engineering-Auftragnehmer, sondern auch für Betreiber, die für Anlagen mit mehreren Jahrzehnten Nutzungsdauer verantwortlich sind.

Warum Standards strategisch werden

Kein einzelnes Informationsmodell kann jeden Aspekt einer Prozessanlage über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg beschreiben. Verfahrenstechnik, detaillierte Ausrüstungsspezifikationen, dreidimensionale Anlagenmodelle, Beschaffung, Betrieb und Instandhaltung benötigen zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Informationen. Die Herausforderung besteht daher nicht darin, einen universellen Standard zu schaffen, sondern dafür zu sorgen, dass verschiedene Informationsmodelle nahtlos zusammenwirken. Genau in diese Richtung bewegt sich die Branche derzeit.

DEXPI 2.0 liefert das standardisierte Prozess- und Anlageninformationsmodell für die frühen Engineering-Phasen und beschreibt Prozessfunktionen, Engineering-Objekte und Anlagentopologie vom konzeptionellen Entwurf bis ins Basic Engineering. Mit dem Projektfortschritt steuern weitere Standards ergänzende Informationen bei. CFIHOS definiert strukturierte Informationsanforderungen für die Projektübergabe und den Betrieb, während FL3DMS die Verwaltung dreidimensionaler Engineering-Informationen über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage hinweg adressiert. Internationale semantische Standards wie ISO 15926 und die entstehende Industrial Data Ontology (ISO 23726) etablieren gemeinsame Konzepte und Beziehungen, sodass Informationen über Softwareplattformen und über Jahrzehnte des Anlagenbetriebs hinweg interpretierbar bleiben. Anstatt miteinander zu konkurrieren, ergänzen sich diese Initiativen zunehmend.

Die vielleicht bedeutendste Entwicklung ist, dass sie sich nicht länger unabhängig voneinander weiterentwickeln. Elf Branchenverbände, Normungsorganisationen und Anwendergruppen stimmen ihre Informationsmodelle inzwischen gemeinsam über die Best-Practice-Initiative „Asset Lifecycle Information Management” (ALIM) ab. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die Definitionen für Prozessfunktionen, Engineering-Objekte, Ausrüstungsklassen, Tags und semantische Beziehungen über den gesamten Anlagenlebenszyklus hinweg zu harmonisieren. Diese Zusammenarbeit markiert einen wichtigen Wandel: Während sich Engineering-Interoperabilität viele Jahre lang vor allem auf den Austausch von Dateien zwischen Softwaresystemen konzentrierte, rückt heute das Teilen eines gemeinsamen Verständnisses von Engineering-Informationen in den Vordergrund. Wenn Engineering-Objekte dieselbe Bedeutung haben, unabhängig davon, mit welcher Software sie erzeugt wurden, muss Information nicht jedes Mal übersetzt werden, wenn sie eine organisatorische oder technische Grenze überschreitet. Für Betreiber, EPC-Auftragnehmer und Technologielieferanten verringert sich dadurch der Integrationsaufwand, die Datenqualität verbessert sich und es entsteht eine weitaus robustere Grundlage für das Lifecycle-Informationsmanagement.

Grundlage für KI und digitale Zwillinge

Mit dem Aufkommen künstlicher Intelligenz gewinnt diese Entwicklung zusätzliche Bedeutung. KI kann nur so gut arbeiten, wie die Informationen, auf denen sie basiert, es zulassen. Große Sprachmodelle wie ChatGPT nutzen strukturierte semantische Beziehungen zwischen Begriffen. Genauso benötigt industrielle KI strukturierte semantische Beziehungen zwischen Prozessfunktionen, Ausrüstungen, Rohrleitungen, Instrumentierung und Anlagenobjekten. Ohne diese Grundlage kann KI zwar Dokumente durchsuchen, aber sie versteht keine Engineering-Zusammenhänge.

Lifecycle-Informationsmanagement schafft somit nicht nur effizientere Engineering-Prozesse. Es bildet auch die Informationsbasis für KI-gestützte Design-Reviews, Engineering-Copiloten, digitale Zwillinge und datengetriebenes Asset-Management.

Die nächste Stufe der digitalen Transformation

Die Prozessindustrie hat in den vergangenen Jahrzehnten ihre Engineering-Werkzeuge digitalisiert. Die nächste Entwicklungsstufe richtet sich nun auf die Engineering-Informationen selbst. Organisationen, die heute integrierte Lifecycle-Informationsmodelle etablieren, verbessern somit ihre Engineering-Prozesse. Sie schaffen auch die gemeinsame Informationsbasis für KI, digitale Zwillinge und die durchgängige Nutzung von Engineering-Wissen über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage. 

Der eigentliche Wettbewerbsvorteil der kommenden Jahre wird deshalb nicht allein in besseren Softwarewerkzeugen liegen, sondern in der Fähigkeit, Engineering-Informationen konsistent, wiederverwendbar und systemübergreifend nutzbar zu machen.

Autor

Dr. Wilhelm Otten 

Dr. Wilhelm Otten ist Inhaber und Seniorberater bei WOtten Consulting und spezialisiert auf Verfahrenstechnik, Digitalisierung und das Informationsmanagement über den gesamten Lebenszyklus von Anlagen in der Prozessindustrie. Er verfügt über mehr als 37 Jahre Erfahrung in der Industrie, darunter in Führungspositionen bei der Evonik Industries AG. Er ist ehemaliger Vorsitzender der NAMUR und Leiter des Networking-Teams bei DEXPI e.V., wo er die Abstimmung von Informationsmodellen für ein integriertes Lebenszyklus-Datenmanagement unterstützt.

Schlagwörter in diesem Artikel:

#künstliche intelligenz, #digitalisierung, #anlagenbau, #verfahrenstechnik

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