Process Innovation
13.05.2026 | Process Innovation
Der aktuell von Bioplan Associates auf rund 70 Mrd. US-Dollar taxierte Markt für Bioprozesstechnik und Biomanufacturing befindet sich nach den Daten des 22. Jahresberichtes (vgl. Abbildung) inmitten eines geographischen und technologischen Umbruchs.
| Region | Werkzeug (Suppliers), Werkbank (CDMOs) | Installierte Kapazität | Marktdynamik |
| Nordamerika (USA/Kanada) | ~ 15,5 – 17,2 Mrd. USD, ~ 9,5 – 10,8 Mrd. USD | ~ 6,2 Mio. Liter | Innovations-Lead: Höchster Anteil an Single-Use und Zell-/Gentherapie-Technik. |
| Europa (Westeuropa) | ~ 10,2 – 11,8 Mrd. USD, ~ 8,8 – 10,1 Mrd. USD | ~ 5,8 Mio. Liter | Commercial-Hub: Starker Fokus auf großvolumige Edelstahl-Anlagen und mAbs. |
| AsienPazifik (APAC) | ~ 8,5 – 10,5 Mrd. USD, ~ 7,5 – 9,2 Mrd. US | ~ 4,8 Mio. Liter | Wachstums-Motor: Massiver Kapazitätsaufbau in China, Südkorea und Indien. |
| Rest der Welt (RoW) | ~ 1,2 – 1,8 Mrd. USD, ~ 0,8 – 1,5 Mrd. USD | ~ 0,8 Mio. Liter | Emerging: Lokale Impfstoffproduktion (Lateinamerika/MENA). |
| Gesamt (Global) | ~ 35,4 – 41,3 Mrd. USD, ~ 26,6 – 31,6 Mrd. USD | ~ 17,6 Mio. Liter | ~ 13 % CAGR |
Den Löwenanteil der globalen Produktionskapazitäten machen laut Bioplan Associates weiterhin monoklonale Antikörper (mAbs) mit 58,5 % der weltweiten Pipeline aus. Ihre Produktion erfordert hochstandardisierte Prozesse in Säugetierzellen (CHO, 70 %). Da moderne Titer oft 3–5 g/l erreichen, verschiebt sich die prozesstechnische Herausforderung zunehmend auf den Downstream-Bottleneck (Reinigung), was die Nachfrage nach effizienzsteigernden Werkzeugen massiv steigert.
Während die USA in puncto Umsatz mit Werkzeugen – 80 Prozent davon Single-use-Verbrauchsmaterialien – und von Lohnherstellern (CDMOs) sowie hinsichtlich des vorhandenen Fermentervolumens derzeit den Weltmarkt klar dominieren, hat China sowohl bei Bioprocessing-Werkzeugen, -Dienstleistungen und der Kapazität in der Vergangenheit rapide aufgeholt, insbesondere durch das um 50 bis 70 Prozent niedrigere Lohnniveau (vgl. Tabelle). Allerdings erodiert dieser Preisvorteil seit Kurzem durch 12 bis 18 Prozent höhere Gehälter für leitende Ingenieure und aus dem Westen akquiriertes C-Level-Personal. Chinas CDMOs, die bis 2025 um jährlich 32 Prozent (CAGR) wuchsen, versuchen dies durch ein signifikant höheres Entwicklungstempo zu kompensieren.
Grundlage für das weltweit unangefochten hohe Entwicklungstempo chinesischer Dienstleister ist die mit staatlichen Subventionen in Milliardenhöhe seit 2013 massiv ausgebaute Test-, CDMO- und CRO-Infrastruktur. Sie liefert westliche Qualität und einen 24/7-Service in der Hälfte der Zeit westlicher Anbieter, vor allem bei der Frühphasenentwicklung von Arzneimitteln. Nach Erhebungen des US-Biotechverbandes BIO waren Ende 2024 rund 70 Prozent der US-Wertschöpfungskette abhängig von chinesischen Partnerschaften, die aus Sicht von US-Regierung und -Kongress die nationale Technologiesouveränität gefährden.
Der Mitte Dezember 2025 in Kraft getretene US BIOSECURE Act zielt darauf ab, diese Abhängigkeit drastisch zu reduzieren, indem er den US-Marktzugang für Arzneimittel begrenzt, die maßgeblich von mit China verbundenen Marktakteuren entwickelt wurden. Bestehende Kooperationen sollen bis 2032 beendet werden, damit für die US-Marktzulassung erforderliche Gelder fließen dürfen.
Der BIOSECURE Act spaltet den bisherigen globalen Bioprocessing-Markt und den ihn antreibenden Biopharma-Markt in zwei Teile. Regulatorisch liegt der Fokus weltweit derzeit auf der Sicherung der lokalen Lieferketten und der Sicherstellung von ausreichend vielen Fachkräften für die zunehmend KI/ML-gestützte Prozessentwicklung. Laut Bioplan Associates liegt die Vakanzrate in dem Bereich derzeit bei rund 35 Prozent.
Der damit einhergehende Aufbau dualer Strukturen führt zu einer Kostenexplosion. Die Bioprozessindustrie versucht diese durch technologische Innovation zu begrenzen, unter anderem durch KI-getriebene Automation der Bioprozessentwicklung, -Kontrolle (PAT) und
-qualitätssicherung, durch Effizienzsteigerungen beim Up- und vor allem Downstreamprocessing, und – langfristig – das Überwinden des Personalengpasses durch Digitale Zwillinge und Physik-informierte Prozessmodellierung (PINN).
Rund 76 Prozent der 1.250 im Rahmen des Cytiva Global Biopharma Index 2025 befragten Entscheider geben an, dass der BIOSECURE Act ihre Sourcing-Strategien fundamental verändert. Bis 2028 erwarten 56 Prozent eine drastische Zunahme der heimischen Produktion biologischer Wirkstoffe in BIOSECURE-kompatiblen Hochlohn-Staaten, um den dominierenden US-Arzneimittelmarkt weiter bedienen zu können.
Westliche Big-Pharma-Unternehmen, die gleichwohl den Tempovorteil Chinas nutzen wollen, um Arzneimittel für andere Länder und Regionen zu entwickeln, kalkulieren für Projekte in China mittlerweile einen Risiko-Aufschlag von 20 bis 30 Prozent ein, um Back-up-Kapazitäten im Westen (Dual-Sourcing) vorzuhalten.
Dabei ist eine Überlappung vor allem in Märkten zu beobachten, in denen China klar Vorreiter bei der Entwicklung ist, wie bei der Optimierung von CAR-T- (> 50% der globalen Pipeline) und ADC-Therapien (42 %). Rund 83 Prozent der Zell- und Gentherapie-Entwickler lagerten 2025 ihre Produktion aus – 2024 produzierten noch gute 30 Prozent inhouse.
Die frühe Entwicklung findet in China statt, zulassungsrelevante Studien in BIOSECURE-kompatiblen Ländern. Dabei stellen Zell- und Gentherapien die Prozesstechnik vor grundlegend andere Herausforderungen als die Massenproduktion von Antikörpern: Deren Chargengrößen sind klein, Prozesse oft patientenindividuell, und die Anforderungen an Sterilität, Rückverfolgbarkeit und Prozesskontrolle extrem hoch. Genau deshalb wächst hier die Abhängigkeit von spezialisierten CDMOs besonders schnell.
Bioplan zufolge machen im Allgemeinen aber Inhouse-Kapazitäten immer noch 65 Prozent der weltweiten Produktionskapazität aus. Allerdings wollen 42 Prozent der Entwickler bis Ende 2027 ihre Produktion zumindest zum Teil an CDMOs ausgliedern. Diesem Trend folgend ist die Nutzung von Single-Use-Ausrüstung bei der kommerziellen Produktion in CDMO-typischen Multi-Produkt-Anlagen auf mehr als 44 Prozent gestiegen. Bei in Säugerzellen produzierten Biologika lag die Outsourcing-Quote bei fast 78 Prozent.
Um die Kosten des teuren Resilienzausbaus zu begrenzen, setzen Bioprozessspezialisten vor allem auf Effizienzsteigerungen:
Eine ähnlich positive Rolle könnten jüngste regulatorische Vorgaben der EMA vom Februar 2026 hinsichtlich des Einsatzes kausaler physikbasierter Simulationslösungen spielen, die das rein empirische Wet-Lab-Testing sowie Tierversuche und den Materialverbrauch eindämmen sollen, um Resilienz zu gewinnen. Während führende Lieferanten von Ausrüstung Physik-informierte KI-/ML-Modelle (PINNs) bereits Minibioreaktoren für die Prozessentwicklung nutzen, sind Digitale Zwillinge und PINNs – also Simulation statt Empirie – noch nicht in der Bioprozesskontrolle angekommen. Das liegt unter anderem daran, dass FT-IR-Echtzeitsensoren schlichtweg zu teuer sind und deshalb in der Praxis indirekte Methoden angewandt werden, um wichtige Prozessparameter zu schätzen. Laut Bioplan geben aber fast 40 Prozent der Entscheider an, KI-Tools zur Bioprozesskontrolle und Prozessdokumentation zu evaluieren.
In den USA und Europa entwickelte In-silico-Verfahren wie die Physik-informierte Prozessmodellierung (PINN) unterstützen bereits heute in 10 bis 15 Prozent der Fälle digitale Nachbildungen von Bioreaktoren – sogenannten digitalen Zwillinge – bei der Entwicklung von Kontrollstrategien für die Bioprozessentwicklung. Bei der Kontrolle von GMP-Prozessen ist die Adoptionsrate mit 3 bis 5 Prozent bei First-Mover-CDMOs viel geringer. Der potenzielle Effizienzgewinn durch Verkürzung der Prozessentwicklungszeit ist aber wesentlich größer.
Dass fast 40 Prozent der Entscheider in der traditionell konservativen Bioprozesstechnikbranche diese Technologie testen wollen, zeigt das eigentliche Potenzial:
Dadurch, dass der Prozess in silico und – anders als bei Standard-KI – in den Grenzen des physikalisch Erlaubten modelliert wird, entfällt aufwändiges Wet-Lab-Testing und somit Rohstoff- und Materialverbrauch sowie Personalbedarf durch Automation.
Unter Entscheidern gelten PINN-gesteuerte Digitale Zwillinge daher bereits als Mittel der Wahl, Prozesse effektiver zu skalieren und erfahrungsbasierte Prozessentwicklung durch reproduzierbare Simulation zu ersetzen. Zwar bleiben Inkonsistenzen infolge der biologischen Variabilität von Prozessen und Proteinmikroheterogenitäten eine große Herausforderung. Kostensenkungen erscheinen aber erstmals unabhängig von der chinesischen Brute-Force-Test-Infrastruktur realistisch. Zugleich wird der Bedarf an Fachkräften für die Bioprozessentwicklung reduziert.
Betrachtet man die Integration der weitgehend in Europa entwickelten PINNs entlang der gesamten Bio-Pharma-Wertschöpfungskette haben diese nach Prognose führender Analysehäuser das Potenzial, die klinische Failure Rate von 90 auf 75 Prozent und die Time to Market noch stärker zu reduzieren als Chinas kommerzielle Teststruktur.
Ob sich dadurch womöglich eine neue Rollenverteilung mit wesentlich schnelleren Timelines ergibt, ist momentan noch Spekulation, erscheint aber im Licht der Kopierresistenz solcher Modelle durchaus realistisch.
Große Fortschritte verspricht sich Bioprocessing-Pionier Uwe Gottschalk vom Abbau regulatorischer und sektorinterner Blockaden des Daten-orientierten Bioprocessings: „Der Bioprocessing-Sektor nutzt Daten noch zu selten als strategischen Rohstoff. Erst durch die volle Integration von Automatisierung, KI und vernetzter Analytik lassen sich Entwicklungszeiten signifikant verkürzen, Prozesse robuster gestalten und Kosten im Zuge des Bioprocessing 4.0 senken. Zugleich steht der Sektor vor zentralen Herausforderungen, etwa den hohen Herstellungskosten kurativer Zell- und Gentherapien, die eine breite Anwendung fertigentwickelter Therapien vereitelt. Dies zeigt nicht zuletzt das Beispiel des einst vielversprechenden Pioniers Bluebird Bio. Es braucht hier neue, ergebnisorientierte Lösungsansätze, um die Kosten drastisch zu senken.“
Autor
Thomas Gabrielczyk analysiert seit 32 Jahren Innovationen, Märkte, geistiges Eigentum (IP) und regulatorische Angelegenheiten in den Sektoren Biotech und Deeptech. Der Biochemiker und Journalist war bis Ende 2025 als Senior Editor des Branchenmagazins transkript sowie als Chefredakteur des European Biotechnology Magazine tätig. Seit Januar 2026 arbeitet er als freiberuflicher Kommunikationsberater und betreibt den LinkedIn-Kanal „Insights & Interviews for biotech C-level executives“.
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